Der Zweite Blick

DER ZWEITE BLICK

 

Der Seher Johannes schreibt:

Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

von Gott aus dem Himmel herabkommen,

bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Offenbarung 21, Vers 2

 

 

Als ich im September 2011 zum ersten Mal in meinem Leben nach Straelen fuhr – ich kannte die Stadt nicht, aber ich habe mich für die ausgeschriebene Pfarrstelle dieser evangelischen Gemeinde interessiert – da dachte ich beim Hereinfahren: Das ist aber eine außergewöhnlich große Kirche für eine solch kleine Stadt. Ich habe dann in der Nähe dieser großen Kirche geparkt. Und als ich während des Drumherumlaufens um diese mächtige Kirche endlich einen Schaukasten fand, las ich: Katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul.

Die evangelische Kirche war es also nicht.

Mit Hilfe des Stadtplans am Rathaus fand ich später dann – also erst auf den zweiten Blick – die Bahnstraße, wo die sehr viel kleinere Dietrich-Bonhoeffer-Kirche etwas abseits vom Innenstadtkern steht.

Aber was heißt groß und was heißt klein?

Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist die größte in der Evangelischen Kirchengemeinde Straelen-Wachtendonk.

Aber was heißt groß und was heißt klein?

Jede unserer Kirchen hat ihre innere Größe.

 

Und doch ist alles vorläufig. Taufen, konfirmieren, trauen, verabschieden, Kirchenmusik erleben, das heilige Abendmahl feiern, Gottesdienste jeder Art – vorläufig.

Diese Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist vorläufig.

Wir feiern vom 12. bis 14. Juli 2013 ihr 50-jähriges Jubiläum, aber es ist alles vorläufig. Was wir irdisch bauen, wird vergehen.

Christ sein heißt, unterwegs sein.

Die ständige Gefahr historischer Gebäude ist die, dass man sich einrichtet, dass man nicht mehr loslassen kann. Das ist ein dialektisch Ding.

 

Ich finde, die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche hat ihre Würde. Die kann ihr keiner nehmen. Und doch darf die Würde dieses historischen Gebäudes dem Glauben nicht im Wege stehen. Sondern sie soll zum Glauben einladen, zum Fest des Glaubens einladen, Glauben fördern. Beweglich und bewegend.

Wir werden sehen…

 

Der Seher Johannes sah schon längst? Was hat er gesehen?

Die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen.

Das ist die unvergleichliche Verheißung eines jeden Gottesdienstes, dass Gott uns auch etwas zu sehen schenkt…“Sehet, wie freundlich der Herr ist!“

Dieser evangelische Hör-Ort und Versammlungsort ist immer auch ein Seh-Ort, eine permanente Anregung zum Sehen.

Ein neues Sehen, ein weiter Blick über unsere alten Horizonte hinweg. Ein weiter Blick über dieses Jubiläum hinweg.

 

Dieser himmlische Ausblick hängt nicht einfach in der Luft, ist keine leichtfertige Utopie, d.h. wörtlich: ortlos, sondern konkretisiert sich an einem konkreten Ort: Jerusalem.

Und so will auch diese Kirche nichts anderes sein als ein schon seit 50 Jahren existierendes Symbol für diesen himmlischen Ausblick. Diese Kirche will stets an Jerusalem erinnern.

Wer diesen Namen hört, der sieht diese Stadt im Spiegel der biblischen Geschichten: Von David und den Psalmbetern, als wenn sie nach dem Pilgern zur Kirche beim Herausgehen auf die Treppenstufen treten würden und beim Ausblick auf den niederrheinischen Himmel sprechen würden: „Ich hebe meine Augen auf. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat…Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ (Psalm 121, 1-2+8).

Also von David und den Psalmbetern bis hin zu Jesus, der über diese Stadt geweint hat und mit „Hosianna!“ einzog und mit „Kreuzige ihn!“ hinausgetrieben wurde. Und nach drei Tagen war zu hören: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Und wenig später: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ – und so Kirche sein.

 

Dieses Wort vom neuen Jerusalem – bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann – stammt aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Sie ist ein Buch mit vielen Rätseln und Geheimnissen. Bis heute sind nicht alle aufgeschlüsselt. Aber eines ist ganz deutlich: Es ist ein Buch der Leidenden und der Wartenden.

Es beginnt mit den Visionen von dem Tier aus der Tiefe des Meeres, das die Menschen unterdrückt und quält. Und es endet mit dem Ruf: „Maranatha! Ja, komm, Herr Jesus!“

Die damaligen Christenmenschen Kleinasiens litten Verfolgung durch die Staatsmacht. Sie lebten unter der so genannten Pax Romana und warteten darauf, dass Gott kommt und sie endlich frei macht.

 

Auch diese Dietrich-Bonhoeffer-Kirche hat in ihrer 50-jährigen Existenz nicht immer leichte Zeiten gehabt. Wohl nicht so sehr wegen äußerem Druck, sondern wegen innerer Aushöhlung.

 

Man kann auch unter der Vorläufigkeit, der Unerlöstheit dieser Welt leiden. Doch diese Welt, schön und kaputt, ist nicht das Letzte. Diese Kirche auch nicht. Aber sie hat trotz allem eine Würde. Sie ist und bleibt ein Ort der Verkündigung, der Seh-Schule des Reiches Gottes. Den Verzagtheiten und Ängsten unserer Zeit stellen wir die bleibenden Hoffnungsbilder und Gotteszusagen tapfer entgegen. In jedem Gottesdienst sind sie zu hören.

 

Ja, es gibt Aus-Sichten. Wer den lebendigen Gott in der Wirklichkeit sieht, sieht diese Wirklichkeit neu. Wer so durchschaut, der erkennt  in der Gemeinde Jesu Christi Gottes heilige Stadt. Das ist der zweite Blick.

 

Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist zum einen das Symbol für eine sehr vorläufige Kirche. Aber wie gut! Es ist nicht das Letzte, was über diese Kirche zu sagen ist.

Denn hier ist das uralte Hoffnungsbild zu sehen von dem neuen Jerusalem, heiter und freundlich, von Gott aus dem Himmel herabkommend, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

 

Dafür ist diese Kirche auch und vor allem das Symbol, auf höchster Ebene mit Gott selbst als dem Brautführer bei dieser wahrhaft himmlischen Goldenen Hochzeit (50 Jahre!).

Es bleibt sinnvoll, sich dieser Kirche als der Kirche Jesu Christi anzunehmen, gerade, weil letztlich nicht wir sie erhalten, sondern sie uns erhält.

Die kommenden 50 Jahre erwarten wir, ängstlich oder mit Spannung, ratlos oder planend. Aber das kommende Gottesreich erwartet uns – quer durch alle Zeiten – unaufhörlich – jetzt!

 

Es geht hier also nicht um sektiererische Weltflucht nach dem Motto: „Versetze uns doch bitte in dein Reich“. Nein, es geht um die Ankunft der neuen Welt: Dein Reich komme!

 

Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

von Gott aus dem Himmel herabkommen,

bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

…Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!

(Verse 2+3)

 

Das Zentrum dieser himmlischen Stadt bildet nicht etwa eine Kirche, sondern in der Mitte steht die Hütte Gottes bei den Menschen. „Siehe da!“ Er selbst, Gott, wohnt, wörtlich: zeltet, mitten unter den Menschen.

Keine feststehende Hütte, keine feststehende Kirche, sondern ein Zelt, das man abbrechen und mitnehmen kann auf der Wanderschaft. Auf der Wanderschaft des Glaubens. Beweglich und bewegend.

 

Ist diese Dietrich-Bonhoeffer-Kirche nicht ein wunderbarer Ausdruck dieses Zeltes?

Ja, sie hat einen Zeltcharakter.

Denn wir sind auf der Wanderschaft.

 

Gottes Segen fließt losgelöst von Raum und Zeit. Er lässt sich nicht festlegen auf bestimmte Gebäude.

 

Wir können Gott nicht einsperren in unsere vier Wände aus Stein und seien sie noch so schön und noch so alt.

Diese Orte des Sammelns und der Sammlung sind wichtig. Aber sie sind nicht alles, worauf Gott sich festlegen lässt.

Er baut seine eigenen Häuser, verwendet dabei sein ganz eigenes Material und wohnt dort, wo wir ihn vielleicht nicht vermuten würden.

 

Unser Glaube hat in dieser Kirche ein verlässliches Dach über dem Kopf. Und was für ein Dach! Hier dürfen wir uns einfinden, durchatmen und uns tragen lassen von 50 Jahren evangelischer Glaubensgeschichte, die hier ihre Spuren hinterlassen haben und deren Geist man hier einatmen kann.

 

Aber dann geht es wieder nach draußen!

Menschen, die Gott sammelt, die sendet er auch wieder aus.

Gestärkt.

Um an seinem Reich zu bauen, nicht mit Steinen, sondern mit froher Botschaft!

 

Und so gehe ich gerne in diese Stadt mit ihren Menschen. Von Gott geschaffene Menschen wie Du und ich, seine Ebenbilder – egal, welcher Einstellung und Religion. Jeder hat seine Würde – von Gott. Das sehe ich auf den zweiten Blick.

 

Und so gehe ich natürlich auch gerne zur großen katholischen Schwesterkirche St. Peter und Paul. Denn wir sind eins in Jesus Christus. Das sehe ich auf den zweiten Blick.

 

Deshalb feiere ich mit großer Freude das 50-jährige Jubiläum der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche. Sie ist und bleibt ein Einübeort in den zweiten Blick. In den Glauben.

 

Wie gut, dass ich sie damals im September 2011 gefunden habe!

 

Ich freue mich, wenn wir uns an dem Festwochenende sehen.

Auf den ersten und auf den zweiten Blick!

 

Ihr

Pfarrer Christian Werner