Missgunst und Neid

Versuchungen
1. Ökumenischer Predigtgottesdienst in der Fastenzeit

Ni/St.Peter&Paul/St.Michael Missgunst und Neid Mt 20,1-16

21.02.2016

1 Mit dem Himmelreich
ist es wie mit einem Gutsbesitzer,
der früh am Morgen sein Haus verließ,
um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
2 Er einigte sich mit den Arbeitern
auf einen Denar für den Tag
und schickte sie in seinen Weinberg.
3 Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.
4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen.
Um die sechste und um die neunte Stunde
ging der Gutsherr wieder auf den Markt
und machte es ebenso.
6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging,
traf er wieder einige, die dort herumstanden.
Er sagte zu ihnen:
Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?
7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben.
Da sagte er zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!
8 Als es nun Abend geworden war,
sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten.

9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
10 Als dann die ersten an der Reihe waren,
glaubten sie, mehr zu bekommen.

Aber auch sie erhielten nur einen Denar. 11 Da begannen sie, über den Gutsherrn

zu murren, 12 und sagten:
Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt;

wir aber haben den ganzen Tag über
die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.

13 Da erwiderte er einem von ihnen:
Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht.
Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
14 Nimm dein Geld und geh!
Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.
15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?

Oder bist du neidisch, weil ich gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Liebe Gemeinde. Liebe katholische und evangelische Schwestern und Brüder.
Ist das gerecht? Ist das fair?

Stimmen Sie der Geschichte spontan zu, oder wollen Sie ihr widersprechen?

Auf jeden Fall verwickelt uns die Geschichte sofort mitten ins Thema: Neid und Missgunst.

Jesus erzählt sein Gleichnis vom Himmelreich, von den Arbeitern im Weinberg, genauso: dass er uns mit der Nase darauf stößt. Natürlich denken wir sofort:

Die, die den ganzen Tag geschuftet haben .... klar verdienen die mehr. Wir hätten auch zu kämpfen gehabt .... mit dem einen Denar
im Vergleich mit den Anderen. Oder etwa nicht?!

Das Gleichnis erzählt von einem Lebensgefühl,
das zu uns gehört, wie die Luft zum Atmen: Der Neid.
Das Beäugen und Vergleichen mit dem Anderen, der es (scheinbar) besser hat.
Die Missgunst, die ganz schnell daraus entsteht.

Wir sind angesprochen und gemeint ...
- alle, die gefühlt und gedacht haben: Klar haben sie mehr verdient! - ... durch die Frage im Gleichnis: Bist du neidisch?
Die meisten dürften es sein. Vielleicht sogar alle?!

Wir sind neidisch!
Auch wenn es schwer ist, dazu zu stehen. Auch wenn wir es gar nicht wollen.

Wir sind neidisch.
Da schützt kein Christsein. Kein Glaube.
Keine fromme Bescheidenheit oder hohe Moral. Kein evangelisch oder katholisch sein.
Kein Alter, keine Jugend.
Wir sind es.

Aber wenn wir direkt gefragt würden: Sind Sie neidisch? würden wir reflexartig antworten: Nein. Ich doch nicht.

Neidisch zu sein, ist fast ein Tabu.
Mit dem Neidisch Sein verbinden sich Bilder von unzufrieden Sein. Neidhammel sind sauertöpfische Menschen.
Die anderen nichts gönnen, denen die Galle überläuft, die Gift versprühen.

Wenn einer sichtbar blass wird vor Neid oder grün oder gelb oder gar platzt vor Neid ...
dann bekommt der kaum Mitgefühl. Ihm kommt Häme entgegen.

Denn Neid spielt dem Erfolg
und der Überlegenheit des Anderen in die Hand. Neid unterstützt, dass der sich brüsten kann.
Es gibt reichlich Sprichworte dazu:

  •   Der Neid ist des Ruhmes Begleiter.

  •   Die Anzahl der Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.

  •   Wilhelm Busch formuliert:

    Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.

  •   Und: Kaum hat mal einer ein bissel was,

    gleich gibt es welche, die ärgert das.

  •   Oder: Wir mögen's keinem gerne gönnen,

    dass er was kann, was wir nicht können.

    Neider sind zu kurz gekommene Menschen.

    So ist das Bild.
    Neid ist ein absolut negativ besetztes Thema. Um Neid ist keiner zu beneiden.

Er adelt den Beneideten und zerstört den, der ihn trägt.

Kein Wunder dass es schwer ist, sich dem Neid zu stellen. Kein Wunder, dass er in die Reihe der Hauptsünden
und Laster und Versuchungen geraten ist.

Es gibt ihn aber trotzdem. Also müssen wir auch irgendwie mit ihm umgehen.

Die eine Möglichkeit ist:
Wir verkleiden ihn und machen ihn auf diese Weise salonfähig und anschaubar.

Wir verkleiden mit dem Mantel der Gerechtigkeit.
So hatte ich begonnen: Ist das gerecht? Ist das fair?

Ich weiß: Ich begebe mich gerade auf Messers Schneide. Die Grenze ist sehr schwer zu ziehen und fließend.
Denn natürlich gibt es Dinge, die absolut ungerecht sind ... und die auf keinen Fall vom Tisch gewischt werden dürfen, mit dem Vorwurf: Du bist ja nur neidisch.

Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft,
die Ungerechtigkeit nicht verträgt.
Es gibt es keine Standesunterschiede mehr, die Privilegien einseitig festschreiben.
Unsere Gesellschaft ist durchlässig.
Jeder in ihr muss das gleiche Recht und die gleiche Chance haben.

Für unser gesellschaftliches Zusammenleben ist das enorm wichtig. Chancen-Gleichheit - Geschlechter-Gerechtigkeit - gleicher Lohn für gleiche Arbeit
Gerechtigkeit muss sozialpolitisch und juristisch der Maßstab sein. Gerechtigkeit ist ein hohes Gut.
Übrigens nicht nur auf nationaler Ebene.

Trotzdem werden wir das Thema Neid nicht los,
als Versuchung und Schwäche im eigenen Herzen.
Und im Umgang mit uns selbst und mit dem Leben, das wir leben.

Denn immer wieder erntet der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln. Und die Kirschen in Nachbars Garten sind einfach die leckersten.

Es gibt den Neid, den scheelen Blick und die Missgunst seitdem es Menschen gibt auf Erden.
Auf den ersten Seiten der Bibel fängt er an.

Aus Neid bringt Kain den Abel um.
Aus Neid legt sich Jakob mit seinem Bruder Esau an
und betrügt ihn nach Strich und Faden.
Aus Neid wird Josef von seinen Brüdern verraten und verkauft.

Und auch zwischen Maria und Martha ist Neid im Spiel,
als Martha Jesus gegenüber aufbraust:
„Herr, siehst du nicht, dass mich meine Schwester lässt alleine dienen?“

Es ist ein starkes Gefühl. Es ergreift Körper, Geist und Seele. Beeinflusst das Empfinden und das Verhalten.
Es ist ein Gift, das entwertet und zerstört:
das eigene Leben und auch das Zusammenleben.

Willst Du in das Himmelreich, so halte deine Kinder gleich.
Das stimmt. Denn viel Streit entsteht, wenn einer benachteiligt wird.

Und stimmt auch wieder nicht. Weil es gar nicht möglich ist, Kinder gleich zu halten:
Was für den Einen gut ist ... schadet dem Anderen.
Eltern wissen davon ein Lied zu singen, wie unterschiedlich Kinder werden, auch wenn man dachte, sie gleich erzogen zu haben.

Und auch wenn wir in die Natur schauen,
geht es nicht überall gleich und „gerecht“ zu.
Vergleichen Sie mal die Lebensmöglichkeiten eines Maulwurfs mit denen einer Lerche.

Ich erzähle Ihnen eine hinduistische Legende,
die das überraschend auf den Punkt bringt:
Zwei Bauern stritten sich um die Äpfel eines Baumes.
Dem einen gehörte zwar der Baum,
doch die Äpfel waren auf das Grundstück des anderen gefallen.
Sie wussten einfach keinen Rat, wie sie die Äpfel untereinander aufteilen sollten.
Da kam ein Brahmane des Weges, der als sehr weise bekannt war.
Die Bauern eilten auf ihn zu, schilderten ihm ihre Situation und baten ihn, ihren Streit zu schlichten.

Der Brahmane fragte sie:
„Möchtet ihr nach menschlichem oder nach göttlichem Ermessen teilen?“ Einstimmig riefen die Bauern aus: „Nach göttlichem Ermessen!“
„Und ihr versprecht mir, dieses Urteil dann auch nicht in Frage zu stellen?“ „Wir versprechen es!“

Da begann der Brahmane,
auf der einen Seite des Zaunes einen riesigen Apfelhaufen aufzutürmen. Auf die andere Seite legte er eine einzige, fast verdorbene Frucht. „Dieser Haufen hier, ist für dich, und der andere ist für dich“;
sagte er den beiden. Dann nahm er seinen Wanderstab und ging wortlos davon.

Herb.

  •   Dem Einen fliegt alles zu, der Andere muss um und für alles kämpfen.

  •   Da sind liebende und kraftvolle Familien, die den Kindern alles geben.

    Und dann gibt es Eltern, die gar nicht die Kraft haben, sich wirklich um

    die Kinder zu kümmern

  •   Die einen haben ein langes Leben und brauchen ein Leben lang keinen

    Arzt,
    andere bekommen mit 25 Krebs oder sitzen durch einen Unfall mit 18 Jahren im Rollstuhl.

  •   Dem einen fällt das Glück in den Schoß, dem Anderen läuft das Pech hinterher ....

    Das Himmelreichs-Gleichnis Jesu formuliert einen Skandal.
    Eine Anfechtung und Aufgabe, der wir uns alle stellen müssen.
    In dieser Unterschiedlichkeit von Leben ist jeder Einzelne herausgefordert! Herausgefordert, in seinem Leben - egal wie es ihm geschenkt oder zugemutet ist - die Gottes Güte zu entdecken.
    Oder er verpasst das Himmelreich und ist dem Neid ausgeliefert.

    Das Versprechen des Gleichnisses ist: Jeder hat Teil an der Güte Gottes. Und bekommt, was er / sie braucht.
    Dafür steht der eine Denar, den alle bekommen.
    Egal, wie viel oder wenig er / sie dafür arbeiten muss.

    Die einen vielleicht mehr am Anfang .... die anderen mehr am Ende. Die Not der Ersten, die so lange arbeiten mussten,
    übersieht die Not der Letzten, die elf Stunden lang abgehängt waren und ihre Chance nicht finden konnten.

    Ein Denar ist der vereinbarte Arbeitslohn im Gleichnis. Es war das, was die Arbeiter damals brauchten,
    um für einen Tag ihre Familien zu versorgen.

    Ein Denar ist das, was wir zum Leben brauchen. Das tägliche Brot, um das wir im Vater unser bitten.

    Das Gleichnis verspricht: Ihr werdet ihn bekommen‚ diesen Denar, das, was Ihr braucht .....
    Die Güte Gottes, die euer Leben trägt.

Nicht nur der Andere, bei dem es gerade gut läuft. Auch Du, der sich abarbeitet im Moment.

„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“

Neid ist ein Zeichen dafür, dass uns die Güte Gottes fern gerückt und abhandengekommen ist.

„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“

Das ist der zentrale Satz.
Er stellt die entscheidenden Pole einander gegenüber. Unseren Neid und die Güte Gottes.
Unsere Enge und Gottes Weite.
Unsere Not und seine Kraft.

Das Fatale ist: Wir vergessen so schnell.
Wir spüren den Mangel, wir merken das Vermissen
und machen es fest an dem, was wir unmittelbar sehen.

Klar ... so viel Freizeit möchte ich auch haben.

Die hat‘s gut. Der hat’s nötig.

Neid hat viele Gesichter, sich zu zeigen und auszutoben.

Aber er ist immer diesseitig orientiert.
Und stillt deshalb
unser tiefes Verlangen nach Leben nicht.
Sehnsucht wird nicht gestillt mit materiellen Dingen.
Auch nicht mit freier Zeit (fragen Sie mal Menschen, die zu viel davon haben) und auch nicht mit Erfolg im Beruf.

Sehnsucht, das tiefe Verlangen nach Leben, wird nur gestillt,

wenn wir uns gemeint wissen.

Und Zugang haben
zu Herzensgüte
und Liebe,
dazu, dass das Leben Geschenk ist und ein Himmelreich in sich birgt.

Aber diesen Zugang „haben“ wir nie als Besitz.
Wir leben aus ihm und dann geht er uns wieder verloren.
Mal sind wir ganz nah dran. Und dann wieder ist er meilenweit entfernt.

Der Neid erinnert uns.
... Da war doch noch was. Gottes Güte....
... Dass das Leben weit und schön sein kann ... mit sehr wenig. Die Liebe.
Die Geduld und Gelassenheit: Wir bekommen, was wir brauchen.

 

Eine Stimme in mir, die vom Leben singt.

Der Neid erinnert uns.
Er muss uns nicht peinlich sein, wir müssen ihn vor uns selbst nicht verstecken.
Wir müssen ihn wahrnehmen als das, was er ist:
Durst nach Leben, Sehnsucht nach Lebendigkeit.

Im Grunde können wir ihm dankbar sein, weil er uns erinnert.
Weil er uns hilft, neu zu suchen, uns neu auf den Weg zu machen zu dem, was das Leben öffnet, was es uns reich und liebend macht, zu Gott, der uns das Leben schenkt.

So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Auf dass sie wieder zu Ersten werden
und wir alle uns wiederfinden als Arbeiter im Weinberg Gottes.

Und die Güte Gottes, die größer ist als alles, was wir verstehen und begreifen können, spreche immer wieder neu in unsere Herzen und unsere Sinne durch Jesus Christus. Amen.