Sehend Blind Sein

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Joh 9,35 Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er:

Glaubst du an den Menschensohn?

36 Er antwortete und sprach:

Herr, wer ist's?, dass ich an ihn glaube.

37 Jesus sprach zu ihm:

Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's.

38 Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

39 Und Jesus sprach:

Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit,

die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

40 Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren,

und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?

41 Jesus sprach zu ihnen:

Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde;

weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

 

Liebe Gemeinde.

Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten.

Ihn, den Blindgeborenen,

von dem einige Verse vorher berichtet wird,

dass Jesus ihn geheilt hatte.

 

Ihn, den Blindgeborenen stießen sie aus,

weil er sehend geworden war.

Sie stießen ihn

aus der Synagogengemeinschaft.

Werfen ihn raus.

Halten ihn und seine Heilung nicht aus.

Von außen betrachtet, ist das der Hammer.

 

Dabei haben sie das nicht leichtfertig gemacht.

Wahrlich nicht.

Sie haben es versucht.

Sie haben gerungen und gekämpft,

um zu verstehen.

Um zu begreifen.

Um das Geschehene annehmen zu können.

Aber es ist ihnen nicht gelungen.

 

Sie haben sich wirklich auch

Zeit gelassen.

Haben mit vielen Menschen gesprochen.

Mit dem ehemals Blinden,

den Eltern,

den Nachbarn,

und wieder mit dem ehemals Blinden …

 

Aber es ist ihnen nicht gelungen,

ihre innerste Überzeugung

mit diesem Menschen

und seiner Heilung

zusammen zu bringen.

 

Es konnte einfach nicht sein,

weil es nicht sein durfte.

 

Von Anbeginn der Welt

hat man nicht gehört,

dass jemand

einem Blindgeborenen die Augen aufgetan hat!

- Wäre dieser nicht von Gott,

er könnte nichts tun! -

Du bist ganz in Sünden geboren

und lehrst uns?

Und sie stießen ihn hinaus.

 

Jesus spricht:

Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen.

damit

die nicht sehen, sehend werden

und die sehen, blind werden.

 

Was sind wir nur für Menschen?

Dass wir blind sind

gerade in dem, was wir sehen.

Was wir für unsere innerste Überzeugung halten.

Wir versuchen zu erkennen und zu begreifen,

und indem wir erkennen und begreifen

kommen wir der Wahrheit nicht näher,

sondern entfernen uns von ihr.

Werden geradezu blind für sie.

 

Und das betrifft nicht nur einige wenige -

damals die Pharisäer

oder heute die Anderen,

das betrifft uns alle.

 

Vermutlich im nächsten Monat schon den gerade Sehendgewordenen.

 

Warum ist das so?

Dass wir uns als „Sehende“ … von der Wahrheit entfernen.

Während wir als „Blinde“ eher eine Chance haben, ihr nahe zu sein.

 

Jesus spricht:

Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde;

weil ihr aber sagt:

Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

 

Sünde ist hier kein Fehltritt,

keine Untat,

nichts moralisch Verwerfliches.

Sünde meint einfach nur:

Von Gott getrennt sein.

Seine Liebe nicht sehen.

Leben, als ob es ihn nicht gäbe,

ohne Vertrauen in seine Fürsorge.

Ohne Verbindung zu ihm.

 

So wird es schon bei Adam und Eva

am Anfang der Bibel beschrieben.

Sie leben in einem Paradies,

sind aufgehoben im Garten Eden…

bis zu dem Moment,

der ihnen zum Sündenfall wird.

 

Die Schlange hatte den Zweifel in sie gelegt.

Ob Gott es wirklich

so gut mit ihnen meinen könnte.

Wo er ihnen diesen Apfel versagt hatte.

Sie flüsterte ihnen ein:

 

Es wird nichts schlimmes passieren,

wenn ihr ihn esst.

Ihr werdet dann wie Gott sein!

Und wissen, was gut und böse ist!

 

Adam und Eva essen von dem Apfel.

Und in dem Moment

gehen ihnen die Augen auf

und sie sehen, dass sie nackt sind.

 

Alles andere sehen sie nicht mehr.

Das Paradies und den Garten Eden

ist für sie verloren.

Dafür sind sie blind geworden.

 

Sehen tun sie, dass sie nackt sind.

Das waren sie auch vorher schon.

Aber da hat es sie nicht bedrückt,

nicht gestört oder bedroht.

Jetzt schon.

Wir sind nackt -

das heißt jetzt:

Wir sind ungeschützt und verletzbar.

 

Kein Wunder, dass sie versuchen,

ihre Blöße zu bedecken.

Sie suchen nach Blättern

und machen sich Schurze.

Und als sie Gott hören,

wie er durch den Garten geht,

verstecken sie sich unter den Bäumen.

Das Vertrauen zu ihm,

ist der Angst gewichen.

 

Sünde ist,

blind werden für das Paradies,

für die Fürsorge eines liebenden Gottes,

der uns nahe ist.

 

Sünde ist,

selber wissen wollen,

was gut und böse ist.

Der Angst glauben.

Nur noch sehen:

Wir sind ja nackt.

und verletzlich …

und alle Energie darauf richten,

das zu ändern

und zu schützen.

 

Und nicht mehr sehen,

dass es einen Andern gibt,

der unsere Blöße deckt.

Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten.

Das ist die Folge.

Es ist immer die gleiche.

Sie wiederholt sich

im Großen wie im Kleinen.

Jeden Tag.

 

Wenn wir meinen, uns schützen zu müssen,

teilen wir ein

in Gut und Böse.

Errichten Mauern.

Sichtbare und unsichtbare.

Gegen Menschen;

gegen Gefühle,

gegen Gedanken,

Erfahrungen, Erinnerungen …

 

Wir versuchen uns halt zu schützen,

gegen alles, was uns Angst macht

oder Angst machen könnte.

Das prägt natürlich

das ganzes Leben

und den ganzen Alltag.

Es durchzieht unsere ganze Welt.

 

Wie wir Menschen wahrnehmen,

wie wir ihnen begegnen.

 

Was wir zulassen können

und was wir unbedingt verhindern müssen.

 

Woran wir glauben.

 

Wie eng oder weit unsere Liebe ist.

 

Wie wir mit Schmerz umgehen.

 

Woran wir uns festhalten.

wie starr oder beweglich unser Denken ist.

 

Was wir uns und anderen abverlangen.

 

Jeder hier kann dazu eigene Geschichten erzählen.

Wie wir versuchen, uns zu schützen

vor dem, was uns Angst macht.

 

Das Tragische ist,

wir können es nicht.

Wir können vor dem, was uns Angst macht,

nicht auf Dauer wegrennen, davonlaufen.

 

Es läuft uns hinterher.

Mehr noch:

es ist uns viel näher als wir meinen.

Es nistet sich ein in Körper und Seele.

Es nimmt Gestalt an.

Und wird sichtbar in dem Leben,

das wir führen.

 

In den Mauern,

mit denen wir andere ausschließen.

Und uns

einschließen.

 

Können wir das sehen,

was das ist?

Was uns Schmerzen bereitet und einsam macht?!

Was uns auf die Palme bringt

und wir bekämpfen müssen?!

 

Wir sollte es uns genau anschauen.

Und ihm gut zuhören.

In unsere Mitte nehmen,

ihm Aufmerksamkeit schenken.

Ihm in gewisser Weise glauben.

Sehen, dass es uns etwas zu sagen hat.

 

Die Pharisäer

hätten dem Sehendgewordenen,

auch besser geglaubt.

Was hätten sie an ihm

und mit ihm zusammen

entdecken können.

 

Welche heilsame Kraft,

wäre für sie sichtbar geworden.

Melodie: LzHuE 105 – singen – Melodie

Christus, dein Licht

verklärt unsre Schatten,

lasse nicht zu,

dass das Dunkel zu uns spricht.

Christus, dein Licht

erstrahlt auf der Erde,

und du sagst uns:

Auch ihr seid das Licht.

 

Jesus spricht:

Ich bin zum Gericht

in diese Welt gekommen,

damit

die nicht sehen, sehend werden

und die sehen, blind werden.

 

Wer blind ist,

muss vertrauen.

Er hat keine andere Chance.

Er könnte sonst

nicht einen einzigen Schritt

im Leben tun.

 

Blind werden heißt,

unsicher werden,

ob der Boden uns wirklich trägt,

auf dem wir uns bewegen.

 

Blind werden heißt

sich an den Mauern stoßen,

die wir um uns herum

errichtet haben.

 

Blind werden heißt,

hören lernen,

fühlen und spüren lernen.

Sich nicht davon hindern lassen,

nur, weil wir manches nicht wissen,

und den Weg und das Ziel

nicht sehen können.

Als Adam und Eva noch nicht

vom Baum der Erkenntnis

des Guten und Bösen

gegessen hatten,

waren auch sie ja in gewisser Weise noch blind

für das, was sie hätte

bedrohen oder vertreiben können.

Sie hatten kein Gefühl dafür,

dass sie nackt waren,

weil sie ganz und gar im aufgehoben waren

im Garten Eden,

von der Fürsorge eines nahen Gottes.

In diesem Paradies leben wir nicht mehr.

 

Vielleicht hin und wieder.

Für Momente …

Manchmal ist es zu spüren,

dass wir doch aufgehoben sind.

… mitten im Schmerz

… gehalten im Streit

… getröstet in der Trauer

… angesehen in Liebe

… beschenkt vom Leben

Jesus fragt den Blindgeborenen/Sehendgewordenen:

Glaubst du an den Menschensohn?

Er antwortete und sprach:

Herr, wer ist es? dass ich an ihn glaube.

Du hast ihn gesehen,

und der, der mit dir redet, der ist es.

 

Offenbar müssen wir ihn sehen lernen,

auch wenn wir schon

von seiner heilsamen Nähe leben.

Sehen lernen,

dass da ein Gegenüber ist.

Ein DU, dem wir vertrauen können.

Eine Beziehung zu Gott,

die voller Zuwendung und Fürsorge ist.

 

Wie in jeder Beziehung

muss auch in dieser

das Vertrauen langsam wachsen.

Durch Erfahrungen.

Sehen lernen,

wo wir überall schon getragen sind.

In den glücklichen Momenten,

voller Liebe und Freude.

Auch wenn wir dem Tod begegnen,

und von Krankheit oder Krise betroffen sind.

 

Es kann sein,

dass das nicht immer nur sanft abgeht.

Es lässt einstürzen und bringt ins Wanken,

was wir uns selbst gebastelt haben,

um uns zu schützen.

 

Deshalb spricht Jesus von Gericht.

Das Vertrauen in die Nähe und Fürsorge Gottes,

erschüttert unsere Gedankengebäude und Denksysteme.

Nimmt uns die scheinbar ewigen Wahrheiten,

an denen wir uns festhalten.

Aber es lässt uns immer ahnen,

wie wunderbar die Werke Gottes sind.

Hier und jetzt werden sie sichtbar und lebendig – mitten in unserer Welt.

Und der Frieden Gottes, der größer ist als alles, was wir verstehen und begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 

 

Ulrike Stürmlinger, Pfarrerin