Thema Asyl

Predigt zu Mt 6,25-34 12./13.9.2015 15.S.n.Trin Pfarrerin Ulrike Stürmlinger

25 »Deshalb sage ich euch:
Macht euch keine Sorgen um das, was ihr an Essen und Trinken zum Leben und an Kleidung für euren Körper braucht.
Ist das Leben nicht wichtiger als die Nahrung, und ist der Körper nicht wichtiger
als die Kleidung?
26 Seht euch die Vögel an!
Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte,
und euer Vater im Himmel ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?
27 Wer von euch kann dadurch,
dass er sich Sorgen macht,
sein Leben auch nur um eine einzige Stunde verlängern?
28 Und warum macht ihr euch Sorgen um eure Kleidung?
Seht euch die Lilien auf dem Feld an
und lernt von ihnen!
Sie wachsen, ohne sich abzumühen und ohne zu spinnen ́und zu weben`.

29 Und doch sage ich euch:
Sogar Salomo in all seiner Pracht war
nicht so schön gekleidet wie eine von ihnen.
30 Wenn Gott die Feldblumen,
die heute blühen und morgen ins Feuer geworfen werden, so herrlich kleidet,
wird er sich dann nicht erst recht
um euch kümmern, ihr Kleingläubigen?

31 Macht euch also keine Sorgen!

Fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
32 Denn um diese Dinge geht es den Völkern, ́die Gott nicht kennen`.

Euer Vater im Himmel aber weiß, dass ihr das alles braucht.

33 Es soll euch zuerst um Gottes Reich
und Gottes Gerechtigkeit gehen,
dann wird euch das Übrige alles dazugegeben.
34 Macht euch keine Sorgen
um den nächsten Tag!
Der nächste Tag wird für sich selbst sorgen.
Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt.«

Liebe Gemeinde.
Was für ein Aufruf.
Was für eine Rede.
Da prallen Welten mächtig aufeinander.

Die Bilder von den Flüchtlingen, die wir alle vor Augen haben ... Jeden Tag ... die vielen Menschen, die Schutz suchen und Zuflucht

in Europa, in Deutschland.
42.000 weitere Flüchtlinge an diesem Wochenende. Vor allem auf der Balkan-Route
über Griechenland, Serbien und die Türkei.
Die meisten davon kommen

aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, das heißt aus Krieg und Gewalt.

Und dann dieser Aufruf Jesu:

Macht euch keine Sorgen.
Seht euch die Vögel an.
Sie säen nicht, sie ernten nicht,
und euer himmlische Vater ernährt sie doch.

Wie passt das zusammen? Muss man das zynisch nehmen, was Jesus da sagt?
Oder kann es uns helfen?

Von alleine bekommen
all diese Menschen jedenfalls nichts zu essen oder zu trinken oder Kleidung oder Unterkunft.

Macht euch keine Sorgen. Seht euch die Vögel an...

Diese Worte Jesu meinen ganz bestimmt nicht, wir sollten die Hände in den Schoß legen
und die Menschen in der Not
sich selbst überlassen.

Im Gegenteil.
sie können und sollen uns Mut machen, immer wieder, immer neu

können und wollen / sollen sie uns den Rücken stärken. Für die Aufgaben,
die da vor uns liegen.

In den Dingen, die uns Sorge machen.

Zum Glück gibt es - bei uns - in der Politik, in der Gesellschaft den Willen und die Einsicht, dass diese Flüchtlingsströme auch unsere Aufgabe sind.

Dass wir uns
vor der Not dieser Menschen nicht verschließen dürfen.

Barmherzigkeit und Nächstenliebe
sind hier in einem Maß gefordert,
das weit hinausgeht über den kranken Nachbarn, um den wir uns gerne kümmern.

Diese Dimension fällt keinem leicht. Dazu muss man sich durchringen. Dazu müssen wir uns durchringen.

Was das heißt, weiß kein Mensch. Was noch auf uns zukommt.
Was wir noch bewältigen müssen. Was das mit uns macht.

Und wie es uns verändern wird, weiß kein Mensch. Das Zusammenleben, und den einzelnen Menschen

wird es verändern.

Ich höre und lese diese Rede Jesu als Ermutigung,
als Aufforderung,
als Appell, sich dem zu stellen. Sich nicht zu verschließen.

Wir haben einen großen Schatz des Glaubens, der uns hilft, nicht Angst und Sorge sprechen zu lassen.
Sondern Vertrauen.
Vertrauen auch auf Gott,

Vertrauen darauf, dass wir die Hilfe bekommen, die wir brauchen, dass Gott uns dabei hilft.

Die europäischen Nachbarn reagieren zum Teil zögerlich. Und wir sehen die Aufgabe, an den Bildern,
von den Grenzen und Bahnhöfen.
In den Erstaufnahmelagern, in den Städten und Kommunen.

Die Menschen sind einfach da.
Heute werden sie angekündigt und morgen sind sie da. Müssen irgendwo bleiben.

Kein Wunder, dass das Sorgen macht.
Und dass Gefühle aufkommen, wie:
Das können wir nicht schaffen.
Die Aufgabe ist zu groß. Wir sind überfordert, werden überrannt von dieser Flüchtlingswelle. Manche haben auch die Sorge,

wir könnten überfremdet werden.

Scheinbar ist es eine Frage der Ethik,
des rechten Handelns. Wie reagieren wir darauf, als Christen.

Ganz bestimmt kommt nicht in Frage,
dass wir mit fremdenfeindlichen Übergriffen regieren. Ganz bestimmt nicht.

Aber weil es solche Übergriffe schon gegeben hat, drängt sich die Frage auf:
An was glauben wir eigentlich?
Was steht hinter dem, was wir tun?

Wovon lassen wir uns leiten? Wovon lassen wir uns regieren? Von diesen Sorgen
von dieser Angst

von Abgrenzung
und Selbstgerechtigkeit?
oder von dem, was wir Gnade, was wir Gott nennen, vom Mitgefühl und der Not dieser Menschen.

Das ist eine geistliche Frage.
Das ist eine Entscheidung des Glaubens.
Von dem trennen wir uns,
wenn wir die Sorge über uns regieren lassen. Wenn wir der Angst gehorchen.

Sorge verengt den Blick. Macht pessimistisch.

Macht blind und taub, für das, was wichtig
und für das, was nötig ist.
Für die Not, die da ist.
Und für die Lebensmöglichkeiten, die wir haben.

Sorgen können den Blick verdüstern
uns entmenschlichen
oder lähmen und handlungsunfähig machen.

Macht euch keine Sorgen.
Seht euch die Vögel an.
Sie säen nicht, sie ernten nicht,
und euer himmlische Vater ernährt sie doch.

Es ist ein gewagter Sprung,
in den Himmel zu schauen.
Den Blick zu heben, von der eigenen Enge in die Weite. Sich leiten zu lassen
nicht von den eigenen engen Grenzen,
sondern von den Lebensmöglichkeiten,
die Gott schenkt.

Jesus fordert auf, lädt ein, die Vogelperspektive einzunehmen. Von oben sozusagen das Leben zu betrachten.

„Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Blieben darunter verborgen

Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint Plötzlich nichtig und klein.“ (
Reinhard Mey)

Wir haben reichlich Möglichkeiten,
das Herz zu weiten und den Mut zu stärken.
Uns über die Wolkendecke unserer Sorgen zu begeben. Wir brauchen nur nach draußen zu schauen, sagt Jesus: Seht euch die Vögel an.
Seht die Lilien auf dem Feld.
Habt ihr Augen für sie???

Sie erinnern euch.
Sie erinnern an eine Fürsorge,
eine Schöpferkraft,
an eine Liebe,
die tief in unsere Welt hineingelegt ist
und die auch uns meint und gilt
aus der heraus auch wir handeln und sein können.

Seht! Weitet den Blick
von, was vordergründig bindet
hin zu dem, was wesentlich ist.
Was unser Wesen ausmacht.
Wir kommen doch nicht aus der Angst. Wir kommen aus Gott.

Ist das Leben nicht wichtiger als die Nahrung und der Köper nicht wichtiger als die Kleidung?

Es stellt sich die Frage nach der Priorität.
Die Fragen nach Essen und Trinken,
nach Kleidung und Unterkunft,
die Fragen danach, wie wir die Situation bewerkstelligen,

sind zweitrangig

hinter der Frage,
dass diese flüchtenden Menschen überhaupt leben
Und dass es gut ist, dass sie Krieg, Gewalt und Tod entkommen sind.

Die Sorge kann das nicht sehen.
Sie sieht nur die Bedrohung, den Verlust, die Überforderung.

Der Glaube dagegen sieht die Schwestern und Brüder -
die angewiesen sind auf Gnade, bedürftig der Liebe,
wie wir selber auch.
Der Glaube sieht in den flüchtenden Menschen Gottes Kinder, in denen Gott uns selbst entgegen kommt.

In aller Bedürftigkeit und mit allem Reichtum.

In der Hauptschule in Wachtendonk,
sind einige jugendliche Flüchtlinge.
Sie gehen dort in die 9. Klasse.
Dieter Benthin sagt: Sie tun der Schule gut
und sie tun den anderen Jugendlichen gut.
Gerade weil sie so einen anderen Hintergrund haben, entwickeln sie einen Wissensdurst,

und ein Sozialverhalten,
das den anderen Schülern ein Vorbild ist.

Die Kreise, die sich um die Flüchtlinge kümmern, haben guten Zulauf bei uns.
Viele Menschen sind bereit, zu helfen, etwas zu tun. Suchen nach dem, was sie beisteuern können. Erleben, dass sie etwas beitragen können.

Die Sorge sagt: Das ist zu wenig.
Der Glaube sagt: Es ist ein Anfang.
Es kommt aus der Lebenskraft
und aus der Liebe, die in Gott ist.
Daraus wird sich unsere Welt neu bauen.

Das ist unsere eigentliche Stärke.
Nicht dass wir jetzt schon wissen, wie es geht und was am Ende dabei herauskommt.

Sondern dass wir an ein MEHR an Möglichkeiten glauben. Dass wir daran glauben:
Gott hat noch ganz andere Möglichkeiten als das,
was wir jetzt vor Augen haben.

Wir müssen nicht die gleichen bleiben.
Unser Leben hat nicht deshalb Bestand, wenn es genauso bleibt, wie es jetzt ist. Unser Leben hat Bestand, weil Gott uns trägt. Weil Gott mit geht und beisteht und wirkt

in den Herausforderungen, in dem, was sich wandelt.

Der Glaube sagt: Fürsorge und Liebe und Gnade Gott
kommt uns in allem, was geschieht, entgegen.

Er wird sich zeigen!
Auch jetzt, auch da, wo wir an der Grenze sind und nicht weiter wissen.

Danach hält der Glauben Ausschau. Rechnet damit, wartet darauf.
Das ist seine Stärke.

Im Herzen wissen wir und halten fest:
Gott ist immer größer als unsere Not.
„Gott allein genügt“, sagt Teresa von Avila.
Und genau das halten wir verwegen fest.
Auch bei dem, was schwer fällt und Angst macht.

Die Menschen, die wir aufnehmen,
werden uns verändern.
Mit ihnen werden wir ein Stück mehr verstehen, von dem, was Halt gibt,

in allen Veränderungen,
in allen Herausforderungen,

und dass Gott Leben und Sterben trägt.

Es soll euch zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen,
dann wird euch das übrige alles dazu gegeben.

Das ist doch ein starker Satz.
Es bewirkt etwas, wo wir uns um Reich Gottes und seine Gerechtigkeit bemühen.
Alleine, weil wir dann die Not spüren, die da ist,

 

und weil wir dann die Liebe sehen, die Grenzen überwindet und sich Möglichkeiten finden, die vorher nicht vorhanden und verschlossen waren.

Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit wirkt,
wo wir uns von ihm in Anspruch nehmen lassen
uns nicht abfinden, uns der Not annehmen ....
nach Zeit, Raum, Fähigkeiten und besseren Möglichkeiten suchen.

Nicht alles auf einmal und für alle Zeit. Aber das, was heute möglich ist.

Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt.

Nicht alles, sondern nur das, was wir heute erkennen ist unsere Aufgabe.
Nicht überall auf der Welt,
sondern das, was wir hier und jetzt tun können

Ist uns in die Hand gelegt, damit wir es tragen.

Ob es reicht, müssen wir nicht entscheiden. Wir bleiben allein bei dem Vertrauen,
dass sich daraus die Welt neu baut.

Macht euch keine Sorgen.
Mit Sorgen richten wir nichts aus.
Nur mit dem Glauben: Gott ist da in dem, was wir tun. So sei es. Amen.